Immanuel - Kant - Gymnasium Pirmasens
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Hebräisch und Arabisch am Kant

In einem Klassensaal spielt sich folgende Szene ab: Der Lehrer betritt den Raum mit den Worten "as-salaam calai-kum", die Schüler grüßen freundlich "wa-calai-kum as-salaam". Auf die Frage des Lehrers "Maa ismu-ka?" antwortet der angesprochene Schüler "ismii Jens". - Jens? Wähnte man sich bei der Begrüßung noch in einem Kairoer Schulgebäude, so scheint der Name Jens in nördlichere Gefilde zu weisen. Tatsächlich befinden wir uns in Pirmasens, genauer: in der Arabisch-AG des Kantgymnasiums. Welcher merkwürdige Umstand könnte das Arabische dorthin getragen haben?

Die Arabisch-AG ist Bestandteil der AG mit dem Titel "exotische Sprachen", die im Schuljahr 2009/10 eingerichtet wurde. In jenem Schuljahr beschäftigten sich vier sprachinteres­sierte Schüler und ihr nicht minder sprachfaszi­nierter Lehrer mit dem Hebräischen, der Spra­che des Tanach, der jüdischen Bibel, bzw. - nach christlichem Sprachgebrauch - des Alten Testaments, deren älteste Zeugnisse auf das 10. Jh. v. Chr. zurückgehen, mithin etwa vier Jahr­hunderte älter sind als die frühesten Zeugnisse der lateinischen Sprache.

Eine noch "totere" Sprache als Latein also? NEIN. Ebenso wenig wie Latein tot ist, weil es als Sakralsprache, als Sprache der Wissenschaft, als Gebersprache für Entlehnungen in den mei­sten modernen Sprachen sowie für über die Hälfte des englischen Wortschatzes und nicht zum wenigsten in den romanischen Sprachen fortlebt, ist das Hebräische heute die offizielle Sprache des Staates Israel mit ca. 5 Millionen Sprechern. Hierzu wurde gegen Ende des 19. Jh. die bis dahin nur mehr im liturgischen Be­reich verwendete hebräische Sprache unter Anpassung an die Erfordernisse einer moder­nen Standardsprache wiederbelebt. Wissenswert ist hierbei, dass die Unterschiede zwischen Alt- und Neuhebräisch geringer sind als die zwi­schen Alt- und Neugriechisch, wenngleich sich das Neugriechische immerhin mit guten Alt­griechischkenntnissen aktiv schnell, passiv ge­radezu spielend erlernen lässt. Da sich das He­bräische also kaum verändert hat, muss es als eine der archaischsten heute noch gesproche­nen Sprachen bezeichnet werden.

Was aber macht die Beschäftigung mit ei­ner solchen Sprache für die Schüler attraktiv? Wollen sie sich in Israel als Besucher zurecht­finden oder einfach nur das Alte Testament im Original lesen können? Die Kenntnis der Bi­bel in den Ursprachen ist immerhin beste protestantische Tradition. Dies sind sicher­lich nicht die schlechtesten Gründe, sich auf eine neue Sprache einzulassen, schließlich macht den Menschen kaum eine andere Schwä­che so hilflos wie die Unfähigkeit, lesen zu können. Jeder Griechischschüler ist bei seinem ersten Studienaufenthalt in Griechenland, auch wenn er des Neugriechischen nicht mächtig ist, in der Lage, sämtliche Orts-, Hinweis- und Ge­schäftsschilder zu lesen, während sich der nicht alphabetisierte Tourist schon mal im falschen Waschraum verirrt.

Das Hebräische verfügt bekanntermaßen über eine eigene Schrift - mit nur 23 Buchsta­ben, was den Kosten-/ Nutzenaufwand gegen­über dem Erlernen etwa der japanischen oder gar chinesischen Schrift schülerfreundlich ein­schränkt. Gerade das Erlernen einer fremden Schrift ist für manchen Interessierten schon ein zureichendes Motiv. Ein weiteres liegt in der Andersartigkeit sowohl der Schrift als auch des Sprachtyps. Das Hebräische besitzt - ebenso wie das Arabische - eine reine Konsonanten­schrift, deren Lesung jedoch mit zunehmender Vokabelkenntnis völlig unproblematisch ist, wie jeder bezeugen kann, der einen deutschen Satz wie Dr Hnd bllt unfallfrei zu interpretieren ver­steht. Dass dennoch die reine Konsonanten­schrift schon von den Alten als unzulänglich gesehen wurde, zeigt sich darin, dass schon im 10. Jh. v. Chr. einige Konsonantenbuchstaben auch zur Realisierung vokalischer Funktionen herangezogen wurden. Da sich eine Sprache im Laufe der Zeit aber auch lautlich wandelt, hat man den Buchstaben seit dem 5. Jh. n. Chr. Punkte in verschiedener Zusammenstellung beigefügt, um Fehldeutungen bei den Vokalle­sungen zu vermeiden. Damit war das so genannte infralineare Punktationssystem geschaffen. So kann etwa die Konsonanten­folge bn ben "Sohn" oder ban "er baute" be­deuten. Gerade in religiösen Texten war man verständlicherweise darauf bedacht, keine Fehl­deutungen zuzulassen, so dass unsere Biblia Hebraica vollständig punktiert vorliegt, mithin schon von Anfängern nach kurzer Einarbei­tungszeit gelesen werden kann.

Natürlich möchte man das Gelesene auch verstehen und übersetzen, so dass die Vermitt­lung gewisser basaler Grammaticalia mit auf dem AG-Stundenplan steht. Wenngleich sich die Beschäftigung mit grammatischen Themen unter Schülern bekanntermaßen nicht größter Beliebtheit erfreut, wird auch hier wieder die im Verhältnis zu den Systemen des Lateinischen, Griechischen oder Romanischen so unge­wohnte Andersartigkeit des hebräischen Sprachtyps zum Movens des Lernens und Ent­deckens: Im Unterschied zum Lateinischen und Griechischen ist das grammatische System des Hebräischen schneller erlernbar. Es gibt keine Deklinationsklassen, nur drei Kasus und an­stelle eines komplizierten Tempussystems nur zwei verbale Aspektkategorien, von denen die eine vornehmlich durch Suffixe, die andere durch Präfixe charakterisiert wird. Es nimmt daher nicht wunder, dass ein Hebraicum an Universitäten schon nach nur einem Semester erworben werden kann. Vereinzelt existieren sogar Schulen, die ihre Hebräisch-AGs zur Vorbereitung auf das Hebraicum verwenden.

Nachdem wir im zweiten Jahr des Beste­hens unserer AG die Thematik vom Hebräi­schen zum Arabischen verlagert haben, ge­schieht genau das, was der AG-Leiter seinen Alumni prophezeit hatte: Mit Begeisterung se­hen die Schüler, dass die grammatischen Er­scheinungen im Arabischen mit denen des He­bräischen fast identisch sind. Das zum Erlernen des Lateinischen oft gebrauchte Argument der Lernerleichterung qua Sprachverwandtschaft wird im Bereich der semitischen Sprachen noch schneller evident, da der Grad der Verwandt­schaft zwischen ihnen noch enger ist als zwi­schen Latein und den romanischen Sprachen.

Spätestens in diesem Stadium vollzieht sich eine — nach dem Gesagten sicher nicht mehr überraschende — Erscheinung: Fremde Grammaticalia beginnen die Schüler zu faszi­nieren. So kennen etwa die semitischen Spra­chen eine durchgehende Genusunterscheidung beim finiten Verb in der zweiten und dritten Person. Die Possessivsuffixe fungieren auch als Objektsuffixe beim Verb und können sogar Präpositionen suffigiert werden. In der Katego­rie Numerus ist der Dual lebendig; beim Sub­stantiv gibt es neben Singular und Plural auch Kollektiva, Plurative und Singulative. Die Kon­gruenz zwischen Subjekt und Prädikat korreliert erstaunlicherweise mit der Reihenfolge ihres Auftretens im Satz.

Die größte Hürde beim Erlernen einer neuen Sprache dürfte immer das Vokabular darstellen. Natürlich ist der semitische Wort­schatz zunächst fremd, jedoch können unsere "Araber" auch wieder von ihren vorausliegen­den Hebräischstudien profitieren. Ebenso wie der Lateiner unschwer rumänisch scrie, italie­nisch scrivere, spanisch escribir und französisch écrire aus scribere ableiten kann, leiten wir ara­bisch kataba aus hebräisch katab ab. Überdies sind uns Teile des semitischen Wortschatzes weniger fremd, als mancher vermuten dürfte, denn wenn wir meschugge werden, wenn wir Pleite gehen, nachdem wir den mit schwerer Maloche verdienten Kies für unsere Misch­poche zu Ramsch gemacht haben, bedarf es schon einiger Chuzpe, um den hebräisch-jiddi­schen Ursprung dieser uns allen geläufigen Wörter zu leugnen. Nehmen wir noch das Ara­bische hinzu, machen wir erst recht einen Rei­bach, denn kein Schachspieler ginge, ob mit oder ohne Alkohol, matt, hätten wir des Ara­bischen nicht; das Arsenal des Zahnarztes entbehrte des wichtigen Amalgams; ebenso wären unsere Magazine ohne Karaffen mit Benzin; jeder Feinschmecker wäre un­glücklich ohne Mokka, ohne Artischocken, Aprikosen, und Zucker, ohne Tamarinde und Haschisch als Digestif; aber das Kiffen führt eh früher oder später vor den Kadi; trösten könnte uns darüber dann weder Limonade noch Falafel. Selbst die Schule müsste auf die Chemie mit all ihren Elixieren und Alkali-Metallen, Natron und Soda, auf Algebra, Algorithmen, Theodoliten, ja sogar auf Ziffern völlig ver­zichten, ohne welche die Notengebung ein recht unziemliches Hindernis erführe.

Mit zunehmender Kenntnis dieser ‘An­dersartigkeit’ schärft sich auch der Blick für die bislang gewohnte und für selbstverständlich gehaltene Grammatik. Diese erweist sich dann nämlich nicht mehr als selbstverständlich, son­dern instanziiert jeweils lediglich éinen mögli­chen Weg, den Sprachen bzw. Sprecher neh­men, um ein bestimmtes Mitteilungsproblem zu lösen.

Waren wir mit dem Hebräischen einer auch am KANT bis in die 50er und 60er Jahre praktizierten alten humanistischen Tradition gefolgt, so haben wir die Traditionslinie mit dem Arabischen in die Moderne geführt.

Schon jetzt zeichnet sich die Neugier der Schüler ab, kennenlernen zu wollen, wie "noch fernere Exoten" wie z.B. mesoamerikanische Indianer sich in ihren Idiomen verständlich machen. Diese bedienen sich zum Beispiel des uns exotisch anmutenden quinär-vigesimalen Zählsystems. Im Aztekischen sind viele "No­mina" gar nicht direkt zählbar, sondern benöti­gen das Medium eines so genannten Nume­ralklassifikators (etwa: 5 Quader Tisch = 5 Ti­sche). Auch den Unterschied zwischen uns so grundlegend erscheinenden Wortarten wie Verb und Substantiv kennen die Azteken kaum.

Davon wird hoffentlich beim nächsten Mal zu berichten sein.

Bis dahin Salaam und Schalom!

 

(Oliver Schmellenkamp)



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letzte Aktualisierung am: 19.11.2017

 

 

 

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